Veröffentlicht am 01-06-2019

SAPLING # 58 - In Zeilen verloren

© Jürgen Walschot

Wenn ich Ihnen meine Hand gebe, werden wir uns dann gemeinsam auf der Karte verirren? Jeder Satz wird zu einem anderen führen, aber niemals zurück zum Anfang.

Wenn ich meine Augen schließe, kann ich die Landschaft sehen, in die wir hineingeboren sind. Die Tiefen des dunklen Tals, das kleine Haus am Rande des Weilers mit dem unaussprechlichen Namen. Ich kann sehen, wie die Sterne blass werden und die zackigen Umrisse der Baumkronen gegen den aufhellenden Himmel gezogen werden. Ich kann unsere Mutter schreien hören und die Hebamme, die unseren Vater aus dem Zimmer jagt, als wir auf einer Blutspur in die Welt kommen.

Wir tragen ähnliche Linien in den Handflächen, wir passen wie ein Puzzle. Aber das Leben wird seine Spuren auf seltsame Weise verwischen. Man weiß nie, wo die Straße enden könnte und der Weg wird in die Irre gehen. Bei jedem Schritt wählen wir, ohne es zu merken.

Mit fixierten Augen auf der Karte übernahm ich die Führung und forderte Sie auf, mir zu folgen. Aber als ich wieder aufsah, hatte sich die Landschaft verändert und ich war allein, meine Hände glühten vor Verlust.

Ich habe überall nach dir gesucht. An jeder Straßenecke, in jedem Bahnhof, hinter jedem Schreibtisch in jedem Büro. Ich habe die Falten in der Karte so genau kennengelernt, dass es mich manchmal überraschen wird, dass die Straße vor mir nicht verbiegt.

Wir lernen, mit den Unsicherheiten des Reisens umzugehen. Wir genießen das Sonnenlicht, solange es anhält, und nehmen Schutz vor dem schlimmsten Sturm. Wir putzen den Dreck von unseren Klamotten und machen weiter. Wir lernen, dass es nichts gibt, woran wir uns für immer festhalten können.

Obwohl wir die Blaupause der Karte mittlerweile auswendig können, können einige Arten von Sehnsüchten nicht abgeworfen werden. Hartnäckig versuchen wir immer wieder, einen Weg zurück zu finden, wie ein Lachs, der gegen den Strom kämpft, zu dem Ort, an dem der Wind in den Baumwipfeln ein Lied singt, das wie zu Hause klingt.

Das Leben scheint es zu genießen, wenn sich Menschen in endlosen Kreisen drehen. Oder sind wir es, die blind für die Wegweiser sind und immer wieder an denselben alten Mustern festhalten, in der Hoffnung, sie könnten uns eines Tages doch an einen anderen Ort führen?

Manchmal hat die Blaupause Mitleid mit uns, oder so scheint es. Dann stoßen zwei wandernde Seelen, die beide auf eine Karte fixiert sind, aneinander.

Erstaunt stehen wir. Wir lesen die Linien in den Gesichtern des anderen, ein Reiseprotokoll über den gesamten Boden. Wie oft haben sich unsere Spuren gekreuzt? Wie oft haben wir uns um einen Atemzug vermisst?

Ich lasse die Karte los. Es ist weggeblasen und zerfetzt im Wind. Ich strecke meine Hände aus und du nimmst sie. Sie sind älter, abgenutzt und müde, aber das Rätsel in unseren Handflächen stimmt immer noch.

Ich kann nicht versprechen, dass ich diesmal den Weg kenne. Aber wenn wir uns wieder verlaufen, machen wir es gemeinsam.

Die SAPLING-Reihe ist ein Gemeinschaftsprojekt mit dem Künstler und Illustrator Jürgen Walschot. Setzlinge sind kreative Sprossen. Ich werde auf die Bilder schreiben, er wird auf die Worte zeichnen.